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Im wilden Westen des Montblanc-Gebiets

16.07.2012

Aiguille de Bionnassay 4.052 m

Von den verbleibenden Traumzielen in Chamonix stand für Xaver dieses Jahr vor allem die Aiguille de Bionnassay, mit dem Anstieg von Westen über die Domes de Miage, ganz oben auf der Wunschliste. Schnell reifte bei Walter, Günni und bei mir der Entschluss, ihn bei dieser Traumroute zu begleiten. In der dritten Juliwoche besserte sich dann nach bisher recht durchwachsenem Sommerstart die Wetterlage und es kündigte sich ein Zwischenhoch für ein paar Tage im Montblanc-Gebiet an, genau ausreichend Zeit für dieses Projekt. In der Nähe von les Contamines-Montjoie, etwa eine Stunde südwestlich von Chamonix, fanden wir einen schönen Campingplatz und bauten schnell unser Zelt auf, denn es zogen noch kräftige Regenschauer durch das Tal. Nach einem guten Abendessen sind wir bald in unsere Schlafsäcke gekrochen. Ich war sehr gespannt, was mich die nächsten Tage erwarten würde, da ich zum ersten Mal im Montblanc-Gebiet dabei sein konnte.

Nach einer feuchten aber ruhigen Nacht ging es am Morgen des 16. Juli los. Wir frühstückten gemütlich mit frischen Croissants, überprüften nochmal unsere Ausrüstung und sind gegen acht Uhr mit ziemlich schweren Rucksäcken auf vom Parkplatz in Cungnon aufgebrochen. Die ersten Meter im Wald waren wie immer mühsam, bis wir immer besser in Tritt kamen und zügig die Zwischenstation Refuge de Trè la Tête erreichten, wo wir eine kleine Rast einlegten. Der weitere Weg wurde bald spannend, denn wir erreichten die Endzone des mächtigen Glacier de Tré la Tête. Mit munterem auf und ab ging es über schuttbedecktes Eis und zum Schluss brauchten wir sogar noch die Steigeisen, um über einen steilen Gletscherabbruch hinauf zum Moränenrand zu gelangen. Gegen 14 Uhr erreichten wir das relativ moderne Refuge des Conscrits auf 2.730 Metern Höhe. Nach einer kleinen Ruhepause erkundeten wir noch den Zustieg für den nächsten Tag. Zeitig suchten wir nach dem guten Abendessen mit drei Gängen und einem Liter Rotwein (für uns vier) das Nachtlager auf, denn um 3:30 Uhr war Wecken angesagt.

Als wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück die Hütte verließen, war der Himmel sternenklar und es war ziemlich frisch - gute Bedingungen also. Unser erstes Ziel der langen Überschreitung war die Aiguille de la Bérangère (3.425m). Die steilen Firn- und Gletscherhänge waren gut durchgefroren, wir kamen zügig voran und waren in zwei Stunden auf dem ersten Gipfel. Von dort oben hatten wir einen guten Überblick über den langen Kamm der Dômes de Miage. Dieses Bergmassiv hat fünf Erhebungen von West nach Ost: Dome occidental 3670 m, Pte. 3666 m, Dôme central 3633 m, Dome oriental 3673 m und Pte. 3672m. Der rund drei km lange Firngrat gehört zu den besonders lohnenden Firn-und Eisgraten der Alpen. Nachdem die steilen und nach allen Seiten abschüssigen Grate guten Trittfirn aufwiesen, konnten wir die meiste Zeit seilfrei gehen. Bei unseren kurzen Pausen auf den einzelnen Erhebungen genossen wir die sagenhafte Aussicht auf die wilde Westseite des Montblanc und seine Trabanten. Waren uns bis hierher noch einige Seilschaften entgegen gekommen, die die Miagesüberschreitung als Hüttentour machten, so wurde es ab dem Col des Dômes einsamer. Ein letzter zäher Aufstieg führte uns zuerst steil über schmalen Firn, dann weiter in leichter Kletterei zum abschließenden Ostgipfel auf 3.672 m. Von dort oben konnten wir ganz gut unser Wunschziel für den nächsten Tag, die Aiguille de Bionnassay und den Weiterweg zum Dôme du Goûter studieren. Der nun folgende Abstieg zum Col de Miage forderte noch einmal Trittsicherheit und Kletterkönnen mit Steigeisen im wilden Gelände. Nach einer Abseilstelle sahen wir endlich unser Tagesziel, das winzige Refuge Durier auf 3.369 m, das wir bald danach so gegen 14 Uhr erreichten.

Diese kleine Hütte, in der Größe einer Baubaracke, mit Platz für zwölf Bergsteiger, hat natürlich wenig Komfort, dafür aber eine sehr nette mehrsprachige Hüttenwirtin, die sich mit bescheidener Küchenausstattung um uns und noch weitere acht Bergsteiger kümmerte. So recht gemütlich wurde es aber ohne Heizung in dieser Bude nicht. Die Decken sind klamm und Walter, der seinen Platz an der Außenwand gefunden hatte, jammerte bald über Schimmelgeruch. Auch das Toilettenhäuschen mit offener Türe und Blick über den Abgrund ist eine abenteuerliche Geschichte. Die Entsorgung erfolgt unmittelbar in eine Schlucht. Das benützte Papier muss in einen Eimer, sonst fliegt es einem um die Ohren. Manou, so heißt die junge Wirtin, gab sich beim Abendmenü die größte Mühe. Als Hauptgericht nach der Suppe gab es Wurst mit Linsen in Zwiebelsoße. Dass wir am Tag zuvor auch schon Linsen hatten, konnte Sie ja nicht wissen. Am schönsten war dann vor der Hütte die Abendstimmung in den letzten Sonnenstrahlen. Südlich geht der Blick auf den Miage-Gletscher und die italienische Route auf den Montblanc und westlich weit hinaus auf das Tal von Montjoie. Für diese Aussicht mit Sonnenuntergang gibt es mindestens fünf Sterne!

Die Nacht war knackig kalt und die Sterne funkelten, als wir um 3 Uhr morgens aufstanden, nur der Wind bereitete Xaver ein bisschen Sorgen. Bitterkalt fuhr es mir auch sogleich in die Knochen, als wir los marschierten, aber schon beim ersten Aufschwung gleich hinter der Hütte wurde mir sehr schnell wieder warm. Die gut sichtbare Spur unserer Vorsteiger wand sich zuerst über mäßig steilen Firn hinauf, danach kletterten wir über einen Blockgrat und schließlich querten wir hinüber zum Fuß der steilen und felsigen Gipfelpyramide der Aiguille de Bionnassay, die noch ziemlich dunkel vor uns aufragte. Dort konnten wir dann unsere Stirnlampen ausmachen. Nahe am Grat ging es nun in anspruchsvoller Kletterei, alles mit Steigeisen an den Schuhen, einige Seillängen im dritten bis vierten Schwierigkeitsgrad hinauf zu einer kleinen Schulter mit sicherem Standplatz. Von dort kamen wir mit unseren zwei Eisgeräten recht flott die sehr steile, teilweise vereiste Firnflanke hinauf, zur äußerst schmalen Gipfelschneide in 4.052 Meter Höhe, die wir so gegen 9 Uhr erreichten. Sitzplätze gibt es dort oben im abschüssigen Schnee keine. Nach einem schnellen Gipfelfoto und einem kurzen Blick hinüber zum Montblanc, wo man schon die Karawanen von Bergsteigern ziehen sah, ging es bald weiter.

Unser Abstieg führte zuerst über den abenteuerlich schmalen und teilweise überwächteten Grat abwärts in den Col de Bionnassay (3.888 m), den wir dank bester Verhältnisse ziemlich schnell erreichten. Erst hier konnten wir einigermaßen vernünftig Halt machen und ohne allzu großes Risiko etwas essen und trinken, nur den Rucksack mussten wir dabei sichern, denn beidseitig ging es immer noch ganz schön weit und steil nach unten. Die Pause war auch notwendig, denn von hier steigt man noch schlappe 500 Höhenmeter über den Piton des Italiens (4.007 m) hinauf zum Dôme du Goûter. Diese 4.304 Meter hohe Firnkuppe liegt nur wenig abseits von der Montblanc-Route und wird doch eher selten bestiegen, da nur der Montblanc begehrt ist und bei den meisten Besteigern die "Kartoffeln" für Umwege nicht mehr reichen. Für uns jedoch war es ein großartiger Abschluss einer langen und einmaligen Gratüberschreitung.

Der Montblanc war vom Dome du Goûter zum Greifen nahe, auch wären es nur noch knappe 500 Höhenmeter gewesen. "Lasst euch nicht täuschen, das wäre noch ein harter Kampf, den wir uns heute nicht mehr antun wollen, denkt an die Kartoffeln", so Xaver, "ihr braucht ja auch noch Ziele für die Zukunft". Nach einem super Gipfelfoto, mit dem Montblanc im Hintergrund, stiegen wir über die Gletscherautobahn zum Refuge du Goûter ab. Nach kurzem Halt an dieser engen Station ging's gleich weiter, ausgesetzt hinab über den teilweise versicherten Steig mit viel Gegenverkehr - alles Montblanc-Aspiranten, die uns da entgegen kamen. Zum Schluss querten wir schnell das Grand Couloir, die berüchtigte Steinschlagrinne und erreichten gegen 15 Uhr und ziemlich erschöpft unser Tagesziel, das Refuge de Tête Rousse auf 3.167 m. Ein kühles Dosenbier und eine heiße Suppe halfen uns schnell wieder auf die Beine. Vom Gastraum der Hütte hat man einen sensationellen Blick auf unseren Berg, die Aguille de Bionassay, einen der schönsten und durch den Preis von Schwierigkeit und Anstrengung vor Übervölkerung geschützten Gipfel. Das Abendessen schmeckte uns allen und brachte die "Kartoffeln" wieder zurück, dazu mundete natürlich auch der Gipfelwein für die neu erreichte Höhe. Für den nächsten Tag war der Abstieg geplant und wie vorausgesagt - das Wetter hatte sich, typisch für diese Bergregion, geändert. Trotz blauem Himmel fegte ein ungestümer Höhensturm um die Hütte. Beim Frühstück gab es daher bei den vielen anderen Bergsteigern lange Gesichter, denn bei diesen Bedingungen war der Aufstieg zum Montblanc nicht mehr machbar. Auch uns brachte der böige Wind beim Abstieg einige Male bedenklich ins Schwanken und wir konnten uns ausmalen, was bei solchen Umständen am Tag vorher oben am Grat los gewesen wäre. Nach einem sehr langen Abstieg durch beeindruckende Landschaft sind wir um 11 Uhr in Bionassay, einem kleinen Bergdorf angekommen. Xaver reagierte schnell und konnte sofort eine Mitfahrgelegenheit in den entfernten Talboden nutzen, um sein Auto zu holen. Der Rest der Truppe kehrte inzwischen in der Auberge de Bionassay, einem reizenden gut geführten kleinem Berggasthaus, ein. Das erste kühle Bier schmeckte herrlich und wir machten noch eine kleine Käsebrotzeit. Als Xaver zurückkam, beschlossen wir gleich auch noch das Tagesgericht zu probieren - was sich als gute Entscheidung erwies. Den Kaffee wollten wir zum Abschluss noch in Chamonix trinken. Dieser Ort ist schon ein besonderes Ziel und man genießt das Flair dieser Bergsteiger-Metropole ganz besonders, nach so schönen und beeindruckenden Erlebnissen im hohen Reich des weißen Monarchen. Nach einem kurzen Ortsbummel sind wir um 15 Uhr in Chamonix aufgebrochen und gegen 22:30 Uhr wohl behalten zuhause wieder angekommen. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals, auch im Namen von Günter und Walter, herzlich bei Xaver bedanken, für diese tolle und bestens organisierte Tour.

Berg Heil!

Norbert

P.S: Im Text steht mehrmals "Kartoffeln". Das war das Ergebnis der Tourenübersetzung aus dem Internet vom Französischen ins Deutsche. Eigentlich sollte dafür wohl "Kraft" stehen ...