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Rucksacklauf um den Wäldercup

07.02.2015

7. Februar 6:55 Uhr: Ich stehe mit 280 andern Skilangläufern auf einer kleinen Wiese in Schonach im Schwarzwald. Es ist -10°C kalt und noch dunkel. Einige Stirnlampen und der Scheinwerfer des Pistenbullis erhellen die Szenerie. Gleich geht’s los zum größten Abenteuerskilauf in Mitteleuropa. Beim Schlagen der Schonacher Kirchturmuhr läuft die Meute mit einem lauten Aufschrei los in die langsam beginnende Dämmerung. Ein lange gehegter Traum von mir beginnt wahr zu werden: 100 km Rucksacklauf quer über die Höhen des Schwarzwalds.

Eigentlich war dieses Wochenende etwas ganz anderes geplant, aber bereits seit ca. 2 Wochen hat sich abgezeichnet, dass die Schneelage und das Wetter optimal werden würden. Nach langer Wartezeit im Dezember, ist der Winter doch noch gekommen und jetzt so, wie man es sich erträumt: 50cm Pulverschnee. Zwar fehlen für eine gute Vorbereitung die Schneekilometer aus dem Dezember aber dafür war ich fleißig mit den Rollski unterwegs. Ob's reicht, wird der Tag zeigen.

Wenige Meter nach dem Start geht es erst mal sausteil 150 Hm den Berg rauf. Zum Glück habe ich mir sehr griffige Ski gewachst, so dass ich auch in der Hektik des Starts gut den Berg raufkomme. Schnell zieht sich die Meute auseinander und als es richtig hell ist hat man sich schon in kleinen Grüppchen zusammengefunden. Jetzt gilt es das richtige Tempo zu finden für die erste große Hürde in Richtung 100km Ziel: das Zeitlimit in Hinterzarten bei 60km. Für diese Strecke hat man 5 ½ Stunden Zeit, was einem Schnitt von ca. 11,5km/h entspricht. Geht man zu schnell an, besteht die Gefahr sich zu übernehmen, ist man zu langsam, ist der Traum vorbei. Mein Plan ist es mit GPS zu laufen und so die optimale Geschwindigkeit einzuregeln. Schnell wird mir klar, dass das heute kein Spaziergang wird. Ein steiler Anstieg folgt auf den anderen. Bei KM 8 habe ich nur einen Schnitt von 10km/h und dann fällt das GPS aus wegen der kalten Temperaturen. Ich hätte doch eine neue Batterie reinmachen sollen. Also weiter das Tempo hochhalten und bei der ersten Kontrollstelle frage ich nach den Kilometern -23 in 2 Stunden – das ist gerade noch so im Limit.

Inzwischen strahlt die Sonne vom blauen Himmel und ich habe die Stirnlampe gegen meine Sonnenbrille getauscht. Der Rucksack ist nicht umsonst Pflicht bei diesem Abenteuerlauf. Er muss am Start 4kg wiegen und  im Ziel 3kg. Auf der langen Strecke gibt es nur 4 Verpflegungsstellen mit Tee. Den Rest muss der Läufer selbst mitnehmen, oder von Helfern an die Strecke bringen lassen. Ich habe mit Lissi nur 3 Treffpunkte ausgemacht: Hinterzahrten (60km), Notschrei(83km) und im Ziel, das soll reichen. Mein Getränk habe ich in einer Trinkblase im Rucksack. Gut isoliert ist auch Schlauch und Mundstück, um ein Einfrieren zu verhindern. So kann ich in den Abfahrten einen Schluck trinken, wobei Vorsicht geboten ist, da nicht nur die Anstiege steil sind. 

Es ist sicherlich die schwerste Strecke, die ich je gelaufen bin und meine Hoffnung, das Ziel zu erreichen, schwindet zusehends. Nach der letzten Kontrollstelle vor Hinterzarten bei 42km folgt ein elend langer Anstieg in dem ich stehen bleiben muss und ein Gel esse, um überhaupt weiterlaufen zu können. Jetzt bin ich  entschlossen, bei 60km die Schinderei zu beenden. Doch auch dieser Berg hat einmal ein Ende und es folgt eine 10km lange Abfahrt nach Hinterzarten, in der sich meine Stimmung und meine Durchschnittsgeschwindigkeit wieder bessern.

Pünktlich um 12Uhr erreiche ich so nach 5 Stunden Hinterzarten und biege nicht in das 60km Ziel ab, sondern in Richtung Durchlauf für die 100km. Lissi begrüßt mich und wir verabreden uns für den nächsten Treffpunkt am Notschrei, nur 23km, aber leider liegt der Feldberg dazwischen. Hinterzarten liegt auf ca. 880m und der Feldberg ist 1425m hoch, d.h. 550Hm praktisch am Stück hochlaufen.  Zumindest der Zeitdruck ist jetzt weg und so gehe ich mehr den Anstieg hoch, als dass ich laufe, Hauptsache durchkommen. Mein Ski funktioniert auch ohne Nachzuwachsen immer noch prächtig, aber trotzdem muss ich auf dem letzten Stück des Anstiegs abschnallen. Hier ist der Pfad so schmal und steil, dass er nicht präpariert werden kann. Nur mit Schneeschuhen wurde eine Spur eingetreten, der ich jetzt folge, bis ich die kahle Kuppe des Feldbergs in Sicht bekomme. Bei kräftigen Windböen überquere ich den Feldberg und erreiche ziemlich dehydriert nach einigen fiesen Gegenanstiegen die Kontrollstelle am Notschrei.

Erst mal Tee trinken was geht und einige Trockenfrüchte. Lissi feuert mich an – nur noch 18 km und 2 lange Anstiege. Bereits im ersten Anstieg muss ich jetzt doch noch nachwachsen, da ich immer wieder mit dem Ski wegrutsche. Ich lasse mir Zeit, da ich noch über 2h Zeit habe für die lächerlichen 18km. In der vorletzten Abfahrt bekomme ich Krämpfe, weil diese so steil ist, dass ich alles im Pflug fahren muss. Dann geht's zum letzten Mal über die Straße und in den letzten Anstieg. Der ist wieder so steil, dass ich mir vorkomme wie auf Skitour. Mit sportlichem Langlaufen hat diese  Bewegungsform nicht mehr viel zu tun. Nur nicht mehr stehen bleiben! Es folgt endliche eine schöne Fortstraßenabfahrt und ein Wirtshaus mit großem Parkplatz kommt in Sicht. Ein Biertisch, 5 Leute, einer mit Waage für den Rucksack und ein Banner mit der Aufschrift: Ziel 100km. Lissi busselt mich ab und von der Organisation gibt’s einen Schnaps und eine Anstecknadel. Nach 91/2  Stunden ist der Traum Wirklichkeit geworden! 100Km und 2300Hm an einem traumhaft schönen Tag mit Langlaufski!